Regionale Organisationen in Asien: Verantwortung für das Pazifische Jahrhundert

 
 
  Angenommen, wir schreiben das Jahr 2010. Die Erschließung der Erdölreserven im Südchinesischen Meer ist rasch vorangekommen. Allerdings werden einige Gebiete, die von amerikanischen Firmen erschlossen werden, von Vietnam beherrscht. Mit gesteigertem Selbstvertrauen auf seine politische Macht kündigt China an, daß es sein Kontrolle über das Südchinesische Meer herstellen will. Kurz darauf kommt es zu schweren Kämpfen zwischen chinesischen und vietnamesischen Kriegsschiffen. Chinesische Truppen besetzen Hanoi. Vietnam bittet Amerika um Hilfe. Dann greifen die Gefechte auf andere Regionen Asiens über, ein nuklearer Sprengkopf explodiert.

So abwegig dieses von Harvard-Professor Samuel Huntington beschriebene Szenario vom Ausbruch des Dritten Weltkrieges klingen mag, es ist eines von vielen Beispielen. Beinahe alle zeigen, daß Asien politisch immer bedeutsamer wird und andererseits erschreckend viele Konfliktpotentiale birgt: Beispielsweise fechten Indien und Pakistan um die Himalaya-Region Kaschmir; sie gilt als eine der gefährlichsten Krisenherde der Welt. Aber auch der Sonderstatus Taiwans und die Hoheitsfragen um die Kurilen zwischen Japan und Rußland sind ungeklärte Konflikte. Allein auf elf winzige Korallenriffe im Südchinesischen Meer, wo große Reserven Öl und Gas vermutet werden, erheben sechs Staaten Ansprüche.

Erbe der Kolonialzeit

Diese zahlreichen Konflikte sind meist auf die Kolonialzeit zurückzuführen, wie beispielsweise die Sezessionskämpfe in Osttimor, oder auf den Kalten Krieg. So stehen sich seit fast 50 Jahren auf der koreanischen Halbinsel am 38. Breitengrad zwei grundsätzlich konträre Systeme gegenüber. Aber die Schwierigkeiten Asiens liegen in der Vielfalt: In Asien lassen sich alle Klimazonen finden, die Vegetation erstreckt sich von polarer, baumloser Steppe bis zu immergrünen Regenwäldern. Die Asiaten folgen allen großen Religionen, zusammen sprechen sie ein Drittel aller Sprachen der Welt. Vielfältig ist vor allem die Staatenwelt und deren Wirtschaftskraft: Riesen wie China und Indien haben jeweils mehr als eine Milliarde Einwohner, Stadtstaaten wie Singapur oder das Königreich Bhutan erreichen aber kaum drei Millionen. Während in Bangladesh die Hälfte aller Einwohner unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben, zählt Japan zu den drei reichsten Nationen der Erde.

Um diese Schwierigkeiten überhaupt greifbar zu machen, schuf man unterschiedliche regionale Organisationen. Zum Beispiel gründeten Amerika, England, Frankreich, Australien, Neuseeland, Pakistan, Thailand und die Philippinen 1954 die South East Asia Treaty Organization, kurz SEATO. Allerdings war ihr vorrangiges Ziel gemäß Eisenhowers Domino-Theorie nur die Eindämmung des sich ausbreitenden Kommunismus. Daher scheiterte sie kurz nach der amerikanischen Niederlage im Vietnamkrieg an der geographischen, politischen und kulturellen Differenzen.

Viel wichtiger und auch für die Zukunft bedeutsamer entwickelte sich die Association of South-East-Asian Nations (ASEAN). Zwar war auch die ASEAN zunächst aus der Angst vor dem Schreckgespenst Kommunismus entstanden, doch setzte sich ein weitreichenderes Ziel durch: die Schaffung eines Gesprächforums zur Entschärfung regionaler Konflikte. So hatten die Minister von Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur und Thailand schon in der Bangkok Declaration vom 8. August 1967 den Begriff Stabilität in den Mittelpunkt gerückt. Entschärft hat sie Konflikte zwischen Malaysia und den Philippinen um die Region Sabah oder zwischen Malaysia und dem kurz zuvor unabhängig gewordenen Singapur. Mit den Friedensbewegungen in den 70er Jahren erklärten sich die ASEAN-Länder zu einer Zone of Peace, Freedom and Neutrality (ZOPFAN). Allerdings blieben weitere entscheidende Schritte zur Friedenssicherung vorerst aus. Erst 1987 wurde die indonesische Idee einer Nuclear Weapon Free Zone (NWFZ) der ASEAN offiziell begrüßt. Dafür zeigte die erfolgreiche Vermittlung am Ende der vietnamesischen Invasion in Kambodscha, daß die ASEAN zum friedlichen Nutzen aller handeln kann. So verwandelte der Beitritt Vietnams die Organisation von einer antikommunistischen Schutzgemeinschaft zu einer Sammelbewegung kleiner Tiger: Spätestens Mitte der Neunziger bekam ASEAN eine bedeutende wirtschaftliche Dimension. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 400 Millionen Menschen und einem Bruttosozialprodukt von über 650 Milliarden US-Dollar, das den Vergleich mit China standhalten kann, wurde die ASEAN ein ernstzunehmender Teilnehmer im globalen Kräftespiel. In der ASEAN Free Trade Area (AFTA) sollen bis 2003 die Handelsschranken für Industrieprodukte abgeschafft werden, bis 2010 soll das auch für landwirtschaftliche Produkte gelten.

Asiatische Werte

Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Frage, ob es asiatische Werte gibt oder nicht. Denn die jeweilige Beantwortung dieser Frage entscheidet das Selbstverständnis von ASEAN. Nach Vorkämpfern wie Malaysias Premier Mahathir könnte sich die ASEAN bald zu einem schweren Gegengewicht zu Europa entwickeln, wohingegen Kritiker die Region nur als heterogene "emerging markets" betrachten. Im Sinne eines offenen Regionalismus werden inzwischen aber auch schon Nachbarstaaten wie Japan, China und Indien in politische und wirtschaftliche Überlegungen mit einbezogen: zum Beispiel im ASEAN Regional Forum oder dem East Asia Economic Caucus (EAEC).

Seit dem Ende des Kalten Krieges ensteht ein weiteres Forum, dessen Perspektiven häufig weit unterschätzt werden. Auf besondere Initiative von Australiens Premier Bob Hawke trafen sich 1989 in Canberra Handels- und Außenminister von zwölf Staaten, darunter Amerika, Kanada, Südkorea, Thailand und alle ASEAN-Staaten. Mit der Absicht, anhaltendes Wachstum zum Nutzen aller zu fördern, gründeten sie die Asia-Pacific-Economic Cooperation (APEC). Inzwischen sind unter anderem China, Taiwan, Mexiko und Chile beigetreten, so daß die APEC heute 18 Staaten umfasst, die etwa 38 Prozent der Weltbevölkerung, schon über 44 Prozent des Welthandels und circa 54 Prozent der Weltproduktion bestreiten. Tendenz steigend.

APEC-Gipfeltreffen

Besonders wichtig für die APEC war das erste Gipfeltreffen, zu dem Präsident Clinton im November 1993 nach Seattle eingeladen hatte. Denn bis dahin hatten die jährlichen Konferenzen nur auf Ministerebene stattgefunden. Nun aber unterstrichen die Staatsoberhäupter die Bedeutung der APEC, und Amerika ließ über den damaligen Außenminister Warren Christopher erklären, daß keine Region wichtiger für die Vereinigten Staaten sei als Asien. So konnte ein Jahr später im vielzitierten Geiste von Bogor (Indonesien) ein ehrgeiziger Zeitplan beschlossen werden: "We further agree to announce our commitment to complete the achievement of our goal of free and open trade and investment no later than the year 2020."

Aber die Organisation verfolgt neben rein ökonomischen auch wichtige sicherheitspolitische Ziele. So sind Gesprächsthemen unter anderem auch Drogenhandel und Terrorismus; außerdem sitzen in der APEC beide chinesische Staaten am selben Tisch. Ähnlich wie beim Sicherheitsbündnis SEATO bildet die Pacific Community aber weder eine geographische noch eine politische oder kulturelle Einheit. Dies führt vor allem zu Spannungen zwischen ASEAN und APEC.

Gefährlich sind in Asien aber nicht nur die zwischenstaatlichen Konflikte. So erstreckt sich hinter der entwickelten Süd-Ost Küste Chinas ein riesiges, verarmtes Zentralmassiv. Was passieren könnte, sollte China auseinanderbrechen, beschreiben Analysten besonders dramatisch: Gewaltige Flüchtings- und Migrationswellen würden die gesamte Region erschüttern, wobei Chinesen nur in wenigen Ländern auf wirkliche Freunde treffen.

Also angenommen, wir erleben das Jahr 2010 friedlich. Dann haben sich die Verantwortlichen an den einzigen Wert erinnert, der sich in nahezu allen asiatischen, nicht nur rein konfuzianischen Ländern wiederfinden läßt. Zwar bedeutet Harmonie nicht gleich innige Freundschaft, zumindest aber das Verständnis gegenseitiger Koexistenz. Denn nur in diesem Sinne können die Organisationen der Region den zwingend notwendigen Beitrag zur Friedenssicherung leisten.

 
 
  , September 1999  
 

 
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