Die Stadt der Khane

 

Einst flossen Milch und Honig in der mongolischen Steppe. Jetzt graben deutsche und mongolische Archäologen in der Zentralmongolei die ehemalige Hauptstadt der Welt aus

 
 
  Enttäuschung überfiel den Reisenden. Vielleicht hatte er erwartet, in der Hauptstadt eines Weltreiches goldene Dächer vorzufinden oder Brunnen, aus denen Milch und Honig flossen. Statt dessen notierte Wilhelm von Rubruk ernüchtert: "Die Stadt ist nicht einmal so stattlich wie der Marktflecken St. Denis." Und dafür war der flämische Franziskaner im Dienste von König Ludwig IX. und Papst Innozenz IV. zehn Monate lang quer durch ganz Asien gereist.

Dschingis Khan
Dschingis Khan
Wilhelm irrte: Als er zu Ostern des Jahres 1254 Karakorum betrat, war die Stadt das Zentrum eines Imperiums, das vom Pazifik bis zum Mittelmeer reichte. Die Bedeutung der Stadt war immens - obwohl die Mongolen Nomaden waren und der Khan nicht einmal das ganze Jahr über in seiner Hauptstadt lebte. "Man kann ein Reich vom Rücken der Pferde erobern, indes nicht vom Rücken der Pferde verwalten", hatte der chinesische Berater Yelü Chucai seinem Herrn Dschinghis Khan gesagt. Also befahl dieser 1220 die Gründung einer Hauptstadt, die sein Sohn und Nachfolger Ögedei 1235 vollendete. Noch im Jahr 1346 kündet eine Inschrift von der Bedeutung der Stadtgründung: "Indem sie eine Hauptstadt gründeten, schufen sie die Voraussetzungen für einen Staat."

Doch die Nomaden verfügten selbst über keine Kenntnisse im Städtebau. Sie waren auf Handwerker aus dem Ausland angewiesen. Manche von ihnen kamen freiwillig, die meisten waren Kriegsgefangene. Und alle haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen.

Denn Karakorum war ein weltoffene, eine internationale Stadt. Hier lebten neben mongolischen Beamten Menschen aus aller Herren Länder: Chinesen, Inder, Georgier, Sarazenen, Deutsche, Russen und Ungarn. Sie standen als Beamte in mongolischen Staatsdiensten, unterhielten Gesandtschaften, waren Handwerker. Die Stadt war geprägt von religiöser Toleranz: "Es gibt zwölf heilige Tempel unterschiedlicher Nationen, zwei Moscheen, wo das Gesetz von Mohammed ausgerufen wird, und eine christliche Kirche befindet sich ganz am Ende der Stadt", notierte Rubruk erstaunt in seinem Reisebericht.

Seit vier Jahren suchen die Wissenschaftler vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Bonner Universität gemeinsam mit Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) und von der Mongolischen Akademie der Wissenschaften in der mongolischen Steppe nach den Resten der mongolischen Hauptstadt. Geforscht wird an mehreren Stellen: Während die Forscher vom DAI den Palast der Khane freilegen, gräbt das Team von der Bonner Uni im alten Stadtzentrum.

Dort waren "vortreffliche Künstler und Handwerker" ansässig, die, so berichtet der persische Gelehrte al-'Umari "feine Textilien und Luxusartikel" produzierten. Sie lebten in Häusern aus Ziegeln, die nach chinesischer Bauart mit Fußbodenheizungen und beheizten Betten ausgestattet waren - gegen den harten mongolischen Winter. Die Funde der Archäologen zeugen von einem lebhaften städtischen Leben: Schmiede schwangen ihre schweren Hämmer. Auf ihren Ambossen entstanden Pflugscharen, Wagenbeschläge und Kultgegenstände. Goldschmiede fertigten in ihren Werkstätten kunstvolle Schmuckstücke. In den Ruinen einer Glashütte überstanden Perlen und Spielsteine aus Glas die Jahrhunderte.

Die blühende Metropole zog auch Kaufleute aus aller Welt an. Auf sicheren Straßen zogen sie vom Mittelmeer in den Fernen Osten, beschützt von Erlassen der Mongolenherrscher. Zahlreiche Überreste zeugen vom frühen Welthandel: ausländische Münzen, Porzellan mit chinesischen Inschriften, ein kleines chinesisches Gefäß mit Quecksilber für die Feuervergoldung.

Zu den schönsten Funden, die die Bonner Archäologen im Stadtzentrum von Karakorum zutage förderten, gehören ein Amtssiegel aus dem Jahr 1371 mit chinesischen und mongolischen Inschriften und ein Goldarmband mit chinesischen und mittelasiatischen Mustern aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das ist nicht nur des Goldes wegen ein wichtiger Fund, es ist gleichsam ein gefrorener Moment der Geschichte: Das Armband sollte offensichtlich eingeschmolzen werden. Die Steine sind herausgebrochen, es ist zusammengedrückt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts führte Kubilai Khan Papiergeld ein, das, wie Marco Polo berichtet, aus der Rinde des Maulbeerbaumes gefertigt wurde. Gleichzeitig schränkte er privaten Goldbesitz ein. Wer sein Gold nicht in Austauschbanken gegen Papiergeld eintauschte, dem drohten drakonische Strafen. Die Preziosen wurden eingeschmolzen und in Barren gegossen. Beim Fundort des Armbandes, so die Schlussfolgerung der Bonner Archäologen, muss es sich um eine solche Austauschbank handeln. Ein echter Glücksfund also.

Einen halben Kilometer südwestlich vom Zentrum lag der Palast. Hier regierten die Herren der eurasischen Welt, in einem "Palast wie eine Kirche, mit einem Mittelschiff und zwei Seiten hinter zwei Säulenreihen", wie Rubruk ehrfürchtig feststellt. Und hier flossen tatsächlich Milch und Honig - aus einem silbernen Brunnen. Er hatte die Form eines Baumes und war ein Werk des Kunstschmieds Guillaume Boucher, eines französischen Kriegsgefangenen. "Innerhalb des Baumes gehen vier Röhren bis zum Gipfel empor. Eine dieser Röhren lässt Wein aus sich herausfließen, die andere vergorene Stutenmilch, die dritte ein Honiggetränk, die letzte Reisbier."

Dschingis Khan empängt Berater
Dschingis Khan empängt Berater
Die quadratische, 35 Meter große Palasthalle, ein Holzskelettbau, ruhte auf 64 Säulen und erhob sich auf einem etwa drei Meter hohen Podest über der Steppe. Die Wände bestanden waren nur zur Hälfte aus festem Mauerwerk, der obere Teil war offen oder mit Stoff verhängt. Der Palastboden war mit grün glasierten Kacheln ausgelegt. Diese wurden wahrscheinlich sogar vor Ort hergestellt - die Ausgräber fanden im Palastbezirk mehrere Brennöfen.

Doch anders als die europäischen Herrscherhäuser war der Palast des Zehntausendfachen Friedens in Karakorum kein Wohnort. Es war vielmehr ein "funktionaler Bau", erklärt DAI-Grabungsleiter Hans-Georg Hüttel. Hier hielten die Khane Hof, empfingen Gesandte, gaben Audienzen. Denn auch wenn die Mongolenherrscher eine Hauptstadt erbaut hatten, sie blieben Nomaden, die das Zelt dem gemauerten Haus vorzogen - nicht nur, wenn sie mit ihrem Hof durchs Land zogen, sondern auch, wenn sie in der Hauptstadt weilten.

Feste Häuser gab es wohl nur im Stadtzentrum. Denn auch die Untergebenen zogen vielfach die Filzbehausungen den gemauerten vier Wänden vor. Luftbilder legen nahe, das die Bewohner der Außenbezirken im Nordwesten in Gers lebten. Eine Tradition, die weiterlebt: Auch in der heutigen Hauptstadt Ulaan Baatar leben noch viele Bewohner in Gers.

Bouchers Brunnens haben die Archäologen in der Palasthalle bisher nicht gefunden. Dafür stießen sie auf Reste eines buddhistischen Heiligtums. Die Postamente, Stupas und Reste von Statuen fanden die Forscher unter den verkohlten Dachbalken - ein Hinweis darauf, dass dieser Teil des Palastes noch stand, als das buddhistische Heiligtum eingebaut wurde. Der Palast wurde offensichtlich umfunktioniert. Eine Erkenntnis, die ein neues Licht auf die Religionsgeschichte der Mongolei wirft: Bisher waren die Wissenschaftler davon ausgegengen, dass der Buddhismus in Zentralasien erst im 16. Jahrhundert Fuß fasste. Die neuen Funde legen jedoch nahe, dass das schon im 13. und 14. Jahrhundert geschah.

Kubilai Khan
Kubilai Khan
Die Pracht in der mongolischen Steppe indes währte nicht lange. Schon 1259 verlegte Dschinghis Khans Enkel Kubilai seine Residenz nach China, wo er die Kaiserdynastie der Yuan gründete. 1368 vertrieben die Chinesen die Mongolen aus dem Reich der Mitte, zwölf Jahre später eroberten sie Karakorum. Dennoch behielt die Stadt ihre Bedeutung als nationales Symbol. 1415 beschloss eine mongolische Reichsversammlung sogar den Wiederaufbau. Im späten 16. Jahrhundert schließlich verfiel die Stadt und wurde zum Steinbruch für das benachbarte buddhistische Kloster Erdene Zuu.

Was folgte waren Jahrhunderte der Fremdherrschaft durch die Chinesen und fast 70 Jahre Sozialismus sowjetischer Prägung. Vor allem den Herren im Kreml und ihren Statthaltern in Ulaan Baatar war Dschingis Khan als Eroberer Russlands verhasst. Doch nun besinnen sich die Mongolen wieder auf ihre große Vergangenheit und deren Protagonisten. Das Konterfei des "ozeangleichen Herrschers", so die Bedeutung des Titels "Dschingis Khan", ziert heute T-Shirts, Geldscheine und Wodkaetiketten. Seinen Namen tragen Hotels, Andenkengeschäfte und die beiden bekanntesten mongolischen Biersorten: Chinggis Beer und Khan Bräu - beide gebraut nach deutschem Reinheitsgebot. Und nun fordert eine Initiative sogar, dass Karakorum wieder Hauptstadt der Mongolei werden soll.

 

Die Ergebnisse der Ausgrabung wurden im Sommer 2005 in der Bonner Bundeskunsthalle präsentiert.

 
 
  , 2004  
 

 
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